Mein Leben mit 50.

Ich bin dieses Jahr 50 geworden. Ein Mitarbeiter von mir hat mir die Tage erzählt, dass sein Vater auch 50 ist. Das hat mich irgendwie deprimiert. Jetzt bin ich also schon in dem Alter, in dem ich der Vater von meinen Mitarbeitern sein könnte. Ich meine, im Grunde sind die Funktionen Vorgesetzter und Vater ja sehr ähnlich. Der Mitarbeiter will mit zunehmendem Alter andauernd mehr Geld und hört immer weniger auf das was der Chef sagt. Das kenne ich auch von meinen Kindern.

Naja. Vermutlich verursacht durch meine Midlifecrisis habe ich jetzt eine Apple Watch. Die kann tolle Sachen. Vor allem für ältere Herren wie mich. Zum Beispiel die Funktion „Geräte suchen“. Die hatte ich allerdings erst falsch verstanden. Ich dachte die zeigt an, wo das nächste Sauerstoffzelt ist oder der nächste Defibrillator hängt. Ist aber nicht so.  

Ein paar Gesundheits-Apps sind aber dabei. Man kann seinen Herzschlag messen und den Blutsauerstoff. Und sie erinnert einen immer daran, dass man nach einer Stunde Bewegungslosigkeit aufstehen soll. Da kann man sogar ein Ziel hinterlegen: In 14 Stunden am Tag muss man mindestens einmal pro Stunde aufgestanden sein.

Das schöne ist, wenn man 50 ist: Man hat während der Nacht bis der Wecker klingelt gut die Hälfte des Ziels schon erreicht.

Gesundheit wird ja immer wichtiger im Alter. Das führt dann auch dazu, dass man in den Arztpraxen jetzt immer schon mit Namen begrüßt wird. Früher hat der Wirt hinter der Theke gerufen: „Mensch Frank, schön, dass du heute kommst! Cola-Osborne?“ Heute gehst du zum Urologen und am Tresen heißt es dann ganz vertraut: „Hallo Herr Geers, Sie müssten bitte noch eine Urinprobe abgeben.“ Schlimm.

Manchmal wird man regelrecht an die gute alte Zeit erinnert. Neulich bin ich zum Getränkemarkt gefahren und habe auf der Straße so eine Gruppe Teenager überholt. Ich vermute die haben sich auf dem Zeltplatz in der Nähe einquartiert. Und ich dachte: Die siehs‘te gleich im Getränkemarkt wieder. Und ich dachte: Ach, was war das schön, als wir damals auch so durch die Stadt gezogen sind.

Beim zweiten Hinsehen entdeckt man aber doch einige Unterschiede. Die Namen zum Beispiel. Also die Vornamen. Ich bin noch mit Menschen die Martin, Thomas, Frank, Sonja und Carsten umhergezogen. Und heute? Nachdem die illustre Runde im Getränkemarkt angekommen war, konnte ich aus den Gesprächen den einen oder anderen Namen heraushören.

Da fielen Sätze wie „Calvin, gib mir auch ´nen Red Bull!“, „Chantal, kaufst du die Flasche Bacardi, ich kann ja noch nicht.“, „Komm schon Aurelia, ich hab Kondome.“ Oder „Oh oh. Wenn Liam merkt, dass du seine Kondome geklaut hast, gibt’s auf die Fresse.“ Liam; übrigens Platz 15 der männlichen Vornamencharts 2021. Wie konnte das passieren?

Apropos Charts. Ein anderer Unterschied zu früher ist die Musik. Bei uns gab es da keine echte Gemeinsamkeit zwischen Jungen und Mädchen. Die Jungs standen auf Die Toten Hosen, Metallica und Guns ´n´Roses. Und die Mädchen terrorisierten unsere Partys mit Musikwünschen von Bands wie Aha, Depeche Mode oder Eros Mozarella oder wie der hieß.

Und Pur. Oh man, habe ich Pur gehasst. Bei mir löste Pur eher den Wunsch nach einem Whiskey aus als den Drang auf die Tanzfläche zu stolpern. Aber die Mädels sind da immer abgegangen wie Wolfgang Petry auf Pilzen, die er in seinen Armbändern gezüchtet hat.

Aber heute stehen alle, egal ob Männlein oder Weiblein auf Deutschrap. Nicht, dass wir uns falsch verstehen. Ich steh auf Rap und HipHop. Aber eben aus den 80ern, 90ern und 2000ern. „Das Beste von heute“ geht komplett an mir vorbei.

Wieso heißt das überhaupt Deutschrap, wenn die darbietenden Künstler gar nicht korrektes Deutsch sprechen? Erstmal suggerieren die meisten „Künstler“ durch diese komische Aussprache, dass sie nicht die hellste Kerze auf der Torte sind. Zum Beweis folgende Line des Deutschrappers Zuna: „Multimillionär, vor dem Komma sechs Stellen.“ Fragezeichen. Ausrufungszeichen. Sechs Stellen. Auf die sechs ist er wahrscheinlich wegen seiner Mathe-Note gekommen.

Farid Bang beeindruck durch besondere Kampftechniken: „Ich schlage zu und dein Gesicht hat den Abdruck meines Prada-Schuhs.“ Wie muss ich mir das vorstellen? Kämpft der immer mit seinen Schuhen in der Hand oder wie? Da bekommt der Begriff Handschuh eine völlig neue Bedeutung.

Nach dem Schuh-Faustkampf hat er sich sicher im Urlaub erholt mit seinem Buddy Kollegah der in einem seiner Lieder zu berichten weiß: „Ich lausche an Karibikstränden rauschenden Pazifikwellen.“ Ich glaube da ist der Flieger auf dem Hinweg einmal falsch abgebogen.

Und dann geht es ja auch oft um Frauen in den Texten. Zum Beispiel „Eine Frau bleibt auf Ewigkeiten ein Gegenstand“ aus dem Track „Sex und Gewalt“ von Finch Asozial & MC Bomber. Und ich habe extra nur eine jugendfreie Line herausgesucht. Und Aurelia steht vor der Bühne und schreit hysterisch: „Finch Asozial, ich will einen Kinder-Gegenstand von dir!“.

Oder „Die Bitch muss bügeln, muss sein. Wenn nicht, gibts Prügel, muss sein." Finden Kurdo & Majoe. Kann man ja alles so machen. Das komische ist nur: Die Mädchen heut zu Tage finden das geil. Verstehe ich nicht. Auf der einen Seite wird einem das Sprachgefühl misshandelt, weil aus emanzipatorischen Gründen jetzt überall ein *innen angehängt wird. Übrigens auch bei Worten, die eigentlich gar nicht dafür geeignet sind. Zuschauer*innen geht ja noch. Aber neulich las ich ernsthaft von Gast*innen.

Auf der anderen Seite scheißt Chantal auf Emanzipation und lässt sich gern mal in Deutschrap-Liedern durchbeleidigen. Erklär mir einer die Welt. Will ich wirklich wissen, wie die aussieht, wenn ich 60 bin?

Kommentare

  1. Wenn du einmal im Altenheim sitzt, laufen beim Bingo keine Schlager mehr, sondern 90er Klassiker ala „die Schlümpfe spielen Techno“. In diesem Sinne: hyper hyper

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    1. Oha. "Die Schlümpfe spielen Techno" klingt aber bedrohlich nach Alters-Alkoholismus. Aber wenn's so sein soll, will ich mich wohl in mein Schicksal fügen......

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