Occupy auf russisch - Lass uns eine Insel besetzen!

Unglaublich aber wahr - im Sommer 2011 war ich Mitglied der Occupy-Bewegung. Allerdings anders, als man es jetzt vermuten würde. Ich war mal wieder zu Besuch beim russischen Teil meiner Familie. Nein, das alleine ist es noch nicht, was ich mit Besetzung meine.

Mein Schwager Roman und seine Freundin Sveta wollten mit meiner Frau Masha und mir ihre Freunde besuchen und mir, dem Deutschen, mal zeigen, was denn die jungen Leute so im Sommer machen. Mir wurde im Vorfeld nur gesagt, dass wir auf eine Insel fahren, dort ein bisschen grillen, schwimmen und die Seele baumeln lassen wollen. Soweit, so deutsch.

Vorbereitend waren wir noch in einem Magazin und haben als kleines Mitbringsel Fleisch, Bier und Wodka gekauft und sind dann mit Roman und Sveta zum Ufer des Moskauer Meeres gefahren.

Unweit des Ufers thront noch der gute alte Lenin und nimmt die immerwährende Parade von Kreuzfahrtschiffen und Schubschiffen ab. Auf der Uferseite gegenüber steht nur noch ein Betonsockel, auf dem noch vor einigen Jahren das steinerne Ebenbild Stalins gestanden hat.

Während wir also auf unseren Transport warten, mache ich mir so meine Gedanken, was mich in den kommenden Stunden wohl erwarten wird. Vor Reiseantritt hatte ich mich bei Roman rückversichert, ob es denn da wohl eine annehmbare Toilette gibt. Mein größtes Problem immer dann, wenn ich in Russland die Wohnung meiner Schwiegereltern verlasse. Denn was das angeht, habe ich schon so einiges gesehen und erlebt. Aber mein Schwager hat mir versichert, dass ich mir darüber keine Sorgen machen müsse. "Horoscho", sagte ich und glaubte ihm.

Nach etwa einer halben Stunde kamen zwei Boote angefahren, um uns abzuholen. Neben uns warteten noch zwei Frauen und zwei Kinder sowie reichlich Proviant auf das Übersetzen zur Insel. Hauptsächlich Bier und Wodka sowie Fleisch und Gemüse wurden im Inneren der Boote verstaut. Eigentlich hat die Fahrt richtig Spaß gemacht. Das einzige was mich gestört hat war, dass die im Straßenverkehr geltende 0,0 Promillegrenze offensichtlich nicht im Schiffsverkehr angewendet wird.

Auf der Insel angekommen, wurden wir sogleich von den Bewohnern neugierig begrüßt. Alle waren gespannt, den Gast aus Deutschland kennenzulernen. Wie ich es in Russland immer wieder erlebt habe, wurde ich mit offenen Armen empfangen. Die Gastfreundschaft hier ist wirklich großartig. Und wie es sich gehört, wurde mir gleich ein Begrüßungswässerchen angeboten. Relativ schnell wurde mir klar, dass fast alle - bis auf die Kinder - auf dieser Insel betrunken waren. Aber es war ja auch schon 13 Uhr durch.

Ich fragte Masha, wem von den Anwesenden die Insel denn gehören würde. Mitleidig lächelnd antwortete sie, dass die Insel niemandem gehört. Dem Staat halt. "Verstehe ich jetzt nicht", erwiderte ich. In der Tat ist es so, dass die im Moskauer Meer zahlreich vorhandenen Inseln einfach besetzt werden. Gut, wir haben ja auch schon an irgendeinem Baggersee illegal gezeltet und Party gemacht. Aber was ich hier vorgefunden habe, hat nichts mit "mal eine Nacht irgendwo sein Nachtlager aufschlagen" zu tun.

Neben den auch bei uns üblichen Zelten für die Nacht haben die Jungs einen richtigen Holzsteeg gebaut, an dem die Boote anlegen können. Da man ja auch ein bisschen was Essen will, damit der Wodka nicht allzu schnell in die besoffene Birne steigt, muss natürlich eine Küche gebaut werden.


Und das ist sie, aus Holz und Plane zusammengezimmert. Innen drin gab es sogar einen richtigen Gasherd und ein Waschbecken. Da die russische Seele aber zum glücklich sein aber auf jeden Fall eine Banja braucht und noch ein bißchen Holz und Plane übrig waren, wurde die auch gleich mit gebaut.


Nicht ganz so viel Plane war dann leider für die Toilette übrig. Vielleicht hätte man erst diese und danach die Banja bauen sollen. Da der Abort etwas abseits stand und man durch eine kleine Schranke entlang des Weges signalisieren konnte, dass gerade "besetzt" ist, konnte man zumindest nicht von unerwünschten menschlichen Besuchern überrascht werden.


Wovor man allerdings nicht gefeit war, waren die nicht-menschlichen - sprich tierischen Besucher. Ich weiß ich stelle mich da ein bisschen an. Aber ich kann mich nun einmal nicht dafür begeistern, wenn während das Grillfleisch den Körper wieder verlässt, Wespen und Pferdebremsen um einen herumschwirren und Spinnen herumkrabbeln. Im Grunde hatte ich die Wahl: Entweder so lange trinken, bis es mir egal ist oder es mir einfach verkneifen. Ich habe mich für das zweite entschieden.

Ganz im Gegensatz zu meinem Schwager. Der hatte sich für Trinken entschieden, obwohl er doch gar kein Problem mit dem Gang auf das Toiletten-Häuschen hatte. Merkwürdig. Jedenfalls musste er irgendwann eine kleine Pause einlegen. 


Aber nicht, dass ich hier falsch verstanden werde. Es war eigentlich ganz schön auf der Insel. Viele der Besetzer sind auf mich zu gekommen und haben ein Gespräch mit mir gesucht. Zum Beispiel war einer von ihnen schon einmal in Frankfurt/Main, um eine Maschine aus einer Fabrik abzuholen. Ihm hat Deutschland gut gefallen. Vor allem, dass alles so sauber und ordentlich war. Und das Bier hat ihm gut geschmeckt. Das hört man übrigens von allen Russen, die mal in Deutschland waren. Endlich etwas, auf das wir stolz sein können.

Auf außerordentliches Interesse stießen übrigens meine Zigaretten und das zugehörige Feuerzeug. Wohl gemerkt ein billiges Plastikteil aus dem Supermarkt. Sichtlich aufgeregt fragte mich einer von ihnen, ob er mein Feuerzeug mal benutzen könne. Achselzuckend überreichte ich es ihm. Als hätte er das erste Mal so ein Ding in der Hand, untersuchte er es zunächst und probierte es aus. Enttäuscht bemerkte er, dass das ja genauso funktionieren würde wie sein eigenes. Er wird nicht geahnt haben, dass es wahrscheinlich genauso in China gefertigt worden ist wie das seine. Also habe ich es ihm geschenkt, genauso wie meine leere Malboro-Schachtel, die sogleich als Trophäe an die Außenwand der Küche geklebt wurde.


Zum Abschied haben wir noch ein Gruppenfoto gemacht. Dann war es Zeit für uns, die Insel wieder zu verlassen. War auf jeden Fall wieder eine interessante Erfahrung, die ich in Russland machen durfte. Und wieder habe ich total nette Leute kennengelernt.

Übrigens wurde mir vor kurzem zugetragen, dass meine neuen Freunde bereits nachgefragt haben, ob ich denn dieses Jahr wieder nach Russland komme. Sie würden gerne ein Wiedersehen feiern. Leider muss ich sie enttäuschen, da es mich dieses Jahr in den Süden zieht. Aber so haben sie ja ein bisschen mehr Zeit die Infrastruktur auszubauen. Schön wäre, wenn es dann ein Fussballfeld, einen Steinofen, ein kleines Atomkraftwerk für die Stromversorgung und eine McDonalds-Filiale geben würde. Ich lass mich mal überraschen.

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