Mein Krankenhaus-Tagebuch

Krank ist schlecht. Krankenhaus ist noch schlechter. Gesund wird man darin jedenfalls nicht so leicht, wie ich aus eigener Erfahrung berichten kann. Allerdings möchte ich darauf hinweisen, dass ich mich nicht über kranke Menschen lustig machen möchte. Ich beziehe mich hier nur auf die Situation, wie ich sie als Patient in einem Krankenhaus gerade erlebe.

Tag der Einlieferung
Gegen mittag beziehe ich mein Quartier für die nächsten 2-3 Tage, wie der Allgemeinmediziner mir bei der Einweisung prophezeit hatte. Schnell wird bei der Erstuntersuchung klar: Entweder ich bin ein schwerer Fall, der Allgemeinermediziner hat keine Ahnung oder er wollte mich einfach dazu bewegen, überhaupt ins Krankhaus zu gehen. Denn der Krankenhausarzt spricht von vielleicht einer Woche, man muss aber den Verlauf abwarten.

In meinem Zimmer lerne ich meine beiden älteren Mitbewohner kennen (nachfolgende Namen sind alle erfunden).

Ewald ist gelähmt und kann sein Bett nicht mehr verlassen. Der Fernseher (Sender meist ARD oder NDR) läuft durch ihn initiiert den ganzen Tag ohne Unterbrechung, obwohl er den Bildschirm aufgrund seiner Liegeposition eigentlich nur selten sehen kann. Aber den dazugehörigen Kopfhörer hat er eigentlich immer auf dem Kopf. Es handelt sich also mehr fernhören. Die Lautstärke ist auf 100% gestellt, so dass man auch als Außenstehender bzw. -liegender immer was mitbekommt.

Heini spricht ein wenig undeutlich und reagiert auch nicht immer, wenn man ihn direkt anspricht. Lieblingsbeschäftigung: Streitgespräche mit Krankenschwestern. Wobei ich jeweils feststelle, dass er die Situationen beim nächsten Besuch seiner Frau immer ganz anders darstellt. Dieser Typ Patient eben. 

Und im Nachbarzimmer der Klassiker: Sepp. Als ich ihn das erste Mal "Hilfe" schreien gehört habe, war ich tief erschrocken. Ein Notfall? Stirbt der Mann gleich? Nach der 44ten Wiederholung (auch in Variationen wie "Helft mir doch!") wurde mir klar, dass es sich um einen Demenzpatienten handeln muss.


Tag 2
Meine erste Nacht war die Hölle. Meine letzte Infusion, die ich spät abends bekomme, hat bis 1.30 Uhr gedauert. Ewald und Heini schlafen schon seit einer Stunde, d.h. ich habe den nächtlichen Krankhaus-Einschlafwettlauf verloren, bei dem der erste, der einschläft jedenfalls keine Probleme mit dem Schnarchen der anderen hat. Ewald kann nicht mehr viel, aber wenn er eines kann, dann Schnarchen. Heini stößt mit seinen Geräuschen gekonnt in die Einatmephase von Ewald und verhindert so, dass zwischen den Schnarchern eine peinliche Stille entsteht.

Sepp ruft von nebenan immer und immer wieder: "HILFE!". Ich bin kurz davor, mich ihm anzuschließen. Bis 5.40 Uhr finde ich vielleicht zusammengenommen eine Stunde Schlaf. Dann wird es plötzlich ruhig. Sepp scheint eingeschlafen zu sein, Heini und Ewald sind wohl in der Aufwachphase. Das ist meine Chance. Schnell kuschel ich mich in mein Bett und versuche schnell einzuschlafen. 

Fünf Minuten später höre ich wie mir irgendeiner eine Geschichte erzählt. Was ist das.....? Hmmm. Hört sich an wie... Nachrichten. Und tatsächlich hat Ewald bereits wieder zur Fernbedienung gegriffen und den Fernseher - Entschuldigung - den Fernhörer eingeschaltet.

Na gut, denke ich, so laut ist das ja nicht. Vielleicht klappt es ja trotzdem mit dem Nickerchen.

Zwei Minuten später dämmere ich vor mich hin, bis plötzlich ein Geräusch, dass mir wie eine Kettensäge vorkommt, mein Ohr zerfetzt. Heini hat seinen elektrischen Rasierapparat herausgeholt und beginnt mit der Morgentoilette.

Ich meine, fürs Schnarchen kann ja keiner was. Aber das ?! Da wird immer von den Alten so viel auf die Jugend geschimpft. Ich frage mich, ob sie selbst so etwas wie Rücksicht kennen?

Jedenfalls wird Ewald am späten Nachmittag entlassen und Heini und ich bleiben alleine zurück.


Tag 3
Diese Nacht aufgrund der doppelten Ration Einschlaftabletten und dem fehlenden Ewald hervorragend geschlafen. Frisch wie nie in den letzten Tagen starte ich in den Tag.

Auf der Toillette erinnere ich mich - wie auch gestern schon - an das Thema Rücksichtnahme. Da hat doch wieder irgendjemand die Toilette nicht sauber hinterlassen. Entweder es gibt Spuren IN der Toilette oder AUF der Toilettenbrille. Und da wir nur noch zu zweit sind und ich es bin, der überrascht und angewidert vor dem Klo steht, bleibt ja nur einer als Verursacher übrig.

Sepp ist mittlerweile auch aufgewacht und brüllt die ganze Station zusammen. Heini scheint mir noch etwas müde zu sein, denn er gähnt in einer Tour. Und wenn Heini gähnt, dann nicht - Stichwort Rücksicht - wie man das eben dezent macht. Heini saugt explosionsartig sämtliche Raumluft auf einen Schlag ein, um sie anschließend mit einem lauten "haaaaaaaahaahaahaahaa" wieder aus seinen gewaltigen Körper herauszuschleudern.

Auch heute finden wieder interessante Gespräche zwischen Heini und dem Pflegepersonal statt. Nur ein Beispiel, bei dem ich zusehen durfte und mich an den guten alten Loriot zurückerinnert gefühlt habe. Übrigens: Wenn gleich der Begriff Becher fällt, ist ein Plastikbecher mit Trinkaufsatz gemeint (quasi wie eine Schnabeltasse, die Heini auf seinem Nachttisch stehen hat). 

Pfleger: "Möchten Sie noch einen Tee oder Kaffee?"
Heini: "Wie bitte?"
Pfleger: "Ob Sie noch einen Tee oder Kaffee möchten."
Heini: "Einen Pfefferminztee bitte."
Pfleger: "In der Tasse oder im Becher?"
Heini: "Pfefferminztee."
Pfleger: "Ja, aber in der Tasse oder im Becher?"
Heini: "Pfefferminztee ohne Zucker."

Der Pfleger gibt auf und verlässt den Raum. Heini dreht sich zu mir um und sagt: "Was ist denn mit dem heute los? Ich habe ihm gesagt, dass ich Pfefferminztee will und er hat mich immer nach Kaffee gefragt." 

Na, da kann sich seine Frau heute Abend ja wieder auf eine tolle Geschichte freuen, wie doof die hier alle sind.


Tag 4
Der Schlaf diese Nacht hat eigentlich ganz gut angefangen. Obwohl Sepp gestern wirklich alles gegeben hat, konnte ich nach meiner Infusion und mit Tablettencocktail gegen 00.30 Uhr gut einschlafen.

Um 4 Uhr bin ich dann aber plötzlich durch Krach aufgewacht. Der kam aber nicht von dem neuen Patienten, der während meines Schläfchens neben mit eingeparkt worden ist. Der Grund ist ein anderer:  Heini geht auf die Toilette. Was da immer so einen heiden Lärm veranstaltet, weiß ich nicht. Es hört sich an als donnere er beim Aufstehen abwechselnd gegen Nachtschrank und Schrankwand, bis er bei seinem Rollator angekommen ist. Damit geht er ins Bad und kracht gegen sämtliche Türen und Einrichtungsgegenstände. Es hört sich nicht so an als gehe er auf die Toilette, sondern als würde er sie einreissen. Und nachdem er sein Geschäft erledigt und die Toilette so wie sie nach dem Spülen eben ist verlässt, stehen auf dem Rückweg natürlich wieder die gleichen Hürden im Weg.

Diese Prozedur wiederholt sich in den kommenden 2 1/2 Stunden ungefähr vier Mal. Und das tolle ist: Wenn Heini sich wieder ins Bett legt, schläft er innerhalb von handgestoppten 13 Sekunden ein und beginnt zu schlafen. Und schlafen ist bei Heini gleichbedeutend mit der Produktion von Geräuschen. Meist hört man "nur" das klassische Schnarchen. Heute morgen aber dachte ich: Schläft der womöglich gar nicht? Der imitiert doch Geräusche. Jetzt, das hörte sich an wie ein Zug. Das nächste hört sich so an als ob man langsam einen Ballon aufpustet. Und Heini, ganz Profi, beherrscht sogar dieses explosionsartige Zischen, das entsteht, wenn man aus einem aufgepusteten Luftballon die Luft wieder entweichen lässt. Das nächste Geräusch kenne ich aus Russland, wenn dort riesige Rammen die Stahlträger für die Hochhäuser in den Boden treiben.

Und das! Das klang genau so wie ein Pärchen, dass es in der Besenkammer treibt. Was man aus Atemgeräuschen so alles heraushören kann. Obwohl ich natürlich nicht weiß, was Nachtschwester und Diensthabender Arzt zu der Zeit gerade gemacht haben.
Schlaf finde ich keinen mehr diese Nacht. Mal schauen wie die nächste Nacht wird. Ob unser Neuzugang schnarcht kann ich nicht sagen, da er glaube ich auch noch keine Minute geschlafen hat.



Tag 5
Mann, was war das wieder für eine Nacht ! Infusion hat bis kurz vor Mitternacht gedauert. Dann aber schnell einschlafen, was auch recht gut hingehauen hat. Aber dann........dann kam Heini's Stunde bzw. Stunden. Das gleiche Getöse, dass er gestern ab 4 Uhr veranstaltet hat, wird heute Nacht ab 1.30 Uhr durchgezogen. Und zwar fast regelmäßig im Stundentakt. Meine Zündschnur brennt......

Um 5.30 Uhr ist sie dann runtergebrannt und es kommt zur Explosion. Als Heini schon wieder aufsteht und sich bollernd auf den Weg zur Toilette macht, fauche ich ihn an: "Mann, kannst du nicht einfach mal liegen blieben. Ich kann nicht schlafen wenn du andauernd hier rumhampelst. Nimm doch mal Rücksicht auf andere."

Heini guckt mich mit so einem komischen Blick an, dass ich fürchte er antwortet gleich mit "Pfefferminztee." Dann würde ich mich glaube ich vergessen. Aber er legt sich wortlos wieder ins Bett.

Fünf Minuten vergehen in denen nichts passiert. Plötzlich spüre ich, wie die Raumluft um mich herum eingesogen wird.

"haaaaaaaahaahaahaahaa"

"Kannst du mal irgendwas leise machen, ohne einen zu stören?" motze ich ihn an.

Zwei Minuten spätern verspüre ich schon wieder Zugluft um der Nase.

"haaaaaaaahaahaahaahaa"

Resigniert stehe ich auf und schleppe mich zum Waschbecken.

Aber das war noch nicht der Höhepunkt des Tages. Gegen Mittag öffnet sich die Tür und Fred tritt in mein Leben. Beziehungsweise wird auf einem Bett liegend in mein Leben geschoben. 

Schwester: "Sooo. Ich stelle Sie erst einmal ab und dann schauen wir mal ob wir Sie noch irgendwo anders unterbringen können."

Bei mir schrillen alle Alarmglocken. Ich liege in einem 3-Bett-Zimmer. Neben mir liegt der Neuzugang von Samstag Nacht und natürlich Heini. Wo soll Fred hin? Er wird erst einmal an der Wand geparkt.

Ja, wie soll ich Fred beschreiben. Ich sage es mal so, und es ist nicht respektlos gemeint sondern beschreibt lediglich treffend die Person: Fred ist ein stinkenden Penner. Zum Glück scheint er nicht oder nur in geringem Maße alkoholisiert zu sein. Und wenn er es wäre würde ich ihn ohnehin nur beneiden. Aber der Geruch......geht gar nicht.

Gut, dass ich nicht an einen Monitor angeschlossen bin. Der würde aufgrund meines rasant in die Höhe geschossenen Pulses und Blutdrucks im Angesicht der drohenden nächsten Nacht spätestens jetzt Alarm auslösen.

Nach etwa 1 1/2 Stunden geht die Tür wieder auf und die Schwester schmettert in den Raum:
"So, nun wollen wir mal ein bisschen Platz schaffen, damit es hier nicht so eng ist", und beginnt mein Bett weiter Richtung Fenster zu schieben. Verstört denke ich: Wenn Sie Platz schaffen will, soll Sie Fred einfach wieder raus schieben. Ich entscheide mich für den Dialog und sage: "Was hat das zu bedeuten? Das ist doch wohl nur eine Übergangslösung, oder nicht?"
Schwester: "Doch, natürlich."
Ich: "Mich beschleicht das Gefühl wir haben unterschiedliche Vorstellungen davon, wie lange so ein Übergang dauert. Heisst das auch für heute Nacht."
Schwester: "Ja. Doch. Für heute Nacht."

Mich trifft der Schlag und verlange für heute Nacht ins Koma versetzt zu werden. Erfolglos.

Heini hat übrigens den ganzen Tag geschlafen. Der wird heute Nacht wieder top fit sein. Wie wird diese Nacht also laufen? Und wie geht es mit Fred weiter? Wird er wirklich mein Nachtleben bereichern? Oder habe ich mir dann doch noch einen genialen Schlachtplan einfallen lassen, um mir Fred vom Hals zu schaffen?

Ihr werdet es lesen. Morgen hier in meinem Blog !!!! Es sei denn Fred hat sich in der Nacht mein iPad geklemmt, dann wird es schwierig.


Tag 6

Tja, jetzt fragen sich natürlich alle: Wie ist es mit Fred weitergegangen? Ich lag auf meinem Bett, fest entschlossen etwas gegen diese unhaltbare Situation zu unternehmen. Also auf ins Stationszimmer, in dem ich auch die Schwester angetroffen habe, die Fred in mein Leben geschoben hat.

Ich: "Hören Sie zu. Das geht so gar nicht. Wenn das überhaupt irgendwie funktionieren soll, verlange ich, dass Fred unter die Dusche gesteckt und seine Klamotten feierlich verbrannt werden. Oder zumindest gewaschen."
Schwester: "Ja, ich weiß, dass das eine Zumutung ist. Das Beste ist Sie gehen unten ins Foyer und füllen da einen Patientenfragebogen aus, wo Sie das reinschreiben. Sonst kriegen die da oben das ja immer nicht mit."
Ich: "Ganz falsch. Das ist nicht das Beste. Das Beste ist wir finden jetzt eine andere Lösung. Wenn Fred bei uns bleibt, schieben Sie mich heute Nacht auf den Flur zum Schlafen. Oder ich fahre nach Hause und komme morgen wieder."
Schwester: "Das geht nicht."
Ich: "Dann überlegen Sie sich was anderes."

Zehn Minuten später treffe ich sie wieder auf dem Flur. Und wer sagt es: Es gibt immer eine Lösung. Man habe gar nicht gewusst, dass noch zwei Frauen entlassen worden sind. Ähä. Nicht gewusst. Ist klar. Und durch Zusammenlegen der übrigen Frauen aus den Zimmern, kann Fred woanders zwischengelagert werden. Problem gelöst.

Aber ich denke ich werde Fred bald wiedersehen. Der Samstags-Zugang wird heute entlassen. Es sollte doch mit dem Teufel zugehen, wenn der freie Platz nicht von Fred eingenommen wird.

Die letzte Nacht begann wie vorhergesehen. Heini ab 1 Uhr so fit wie nie. Immer das gleiche Aufstehen, am Nachttisch hin- und herruckeln, Toilette, Raumluft ansaugen usw.

Um 3 Uhr ruft er die Schwester um Zuckerwerte zu messen. Er vermutet darin den Grund, weshalb er nicht schlafen kann. Einen Zusammenhang mit den 18 Stunden Schlaf während des Tages sieht er offensichtlich nicht.

Ich flehe die Schwester um weitere Drogen an. Sie verweigert sich jedoch mit dem Hinweis auf die fortgeschrittene Uhrzeit.

Als die Schwester wieder aus dem Zimmer ist, stehe ich überraschend an Heini's Bett. Meine Stimme ist ganz, ganz ruhig, durchschneidet aber die Luft wie ein gerissenes Bunjee-Seil.

"Hör zu. So geht es nicht weiter. Du bringst mich um meinen Schlaf. Du kannst Lesen, Fernsehen, mir egal. Am mit Krach ist jetzt Schluss."

Ich lege mich wieder ins Bett und dann sollte etwas passieren, was ich schon drei Nächte nicht mehr erlebt habe. Ich habe geschlafen. Drei Stunden am Stück. Was für ein Tag.

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